Brasch Fuge
Jüdisches Museum Berlin
26./27. August 2005
Die Familie Brasch steht für eine exemplarische und doch zugleich herausragende Familiengeschichte im Deutschland des 20. Jahrhunderts: deutsch, verbeamtet, kommunistisch, künstlerisch, jüdisch. Nach dem Ende des Nazi-Regimes wird der Vater stellvertretender Kulturminister der DDR. Sein ältester Sohn, Thomas Brasch (1945-2001) rebelliert gegen die autoritäre Erziehung und beschließt, Schriftsteller zu werden. Da ihm eine Publikation in der DDR verwehrt ist, flüchtet er 1977 nach West-Berlin, wo er mit seinen Werken, die Lyrik und Dramen, später auch Filme und Shakespeare-übersetzungen umfassen, sehr schnell bekannt wird.
Dem "Mädchenmörder Brunke" widmet Thomas Brasch sein letztes Lebensjahrzehnt. Mitte der 80er Jahre war er in einer alten Zeitungsausgabe aus dem Jahr 1906 auf den Fall des Doppelmörders Karl Brunke gestoßen. Daraus entsteht das mehrere tausend Seiten umfassendes Konvolut. Die 1999 bei Suhrkamp erschienene, nur 98 Seiten umfassende Variante konnte ihn nie zufrieden stellen. In zahlreichen Gesprächen mit Freunden schwebte ihm eine Veröffentlichung der Geschichte etwa als periodischer Groschenroman oder Abreisskalender vor.
Die LeseFuge versucht, dieser Idee Rechnung zu tragen. Die Besucher sind eingeladen, sich in einer dramatischen Textinstallation mit der Wucht und komplexen Schichtung des Gesamt-textes auseinanderzusetzen. In der Choreographie aus sieben Stimmen und Köpfen wird so eine wundersame Textlandschaft begeh- und hörbar:
"Das Ordnungsprinzip dürfen nicht sieben Kapitel sein, sondern sieben mal sieben. Das heisst, ein Kapitel sind sieben Personen, das andere Kapitel sind sieben Handlungsorte des Brunke, das andere sind sieben Orte des Notierens von mir, das nächste sind möglicherweise sieben Formen, dann sind es sieben Türen, dann sind es sieben verschiedene Bilder, die sich die Leute von ihm gemacht haben, in den Akten oder Aussagen oder von den Handlungen." (Thomas Brasch)
Thomas Brasch (1945-2001) - narrative writer, movie director, poet, playwright and translator of Shakespeare - in the middle of the eighties, happened upon the historical Brunke double murder case. A small newspaper clipping from 1906 became the inspiration for his final work. From this emerged a text-composition, of about 4000 pages, comparable to a musical Fugue.
The main title "Die Liebe und ihr Gegenteil" betrays his preoccupation to submit an extensive outline about life and art. The LeseFuge picks up here the "work of a public dreamer" (Thomas Brasch).
Seven actors: Blixa Bargeld, Marion Brasch, Herbert Fritsch, Lars Rudolph, Otto Sander, Anna Thalbach, and Angela Winkler, read various Brunke-text variations that will be projected over beamers. Brasch, Brunke, east, west, Jewish, German, murderer, bank teller, piano teacher, Kabbala, bachelor-machine, - a wondrous aural and visual navigable textlandscape.
On August 26, 2005 the "Dux", the central motif for every fugue, will be inserted live into the installation LeseFuge by the actors, who will read the first variations of "Brunke".
On August 27, 2005 the entire installation of Lesefuge can be seen during "Die lange Nacht der Museen".
Since April 2004 Harmut Fischer's Juliettes Literatursalon peripherprojektil organized reading machines have been rotating with the friendly support of the Thomas Brasch community of heirs and the Stiftung Archiv Akademie der Künste zu Berlin. The culmination point is now Lesefuge, hosted by Jüdisches Museum and partially financed by HauptStadtKulturFonds.
The responsibility for this concept is shared with Dr. Andreas L. Hofbauer and Dr. Daniel Tyradellis.
Press release: 15/6/2005, translated by: Kristina Loos
Idee: Hartmut Fischer
Konzeption: Hartmut Fischer, Andreas L. Hofbauer, Daniel Tyradellis
Technische Leitung: Theo Ligthart; Dank an Tristan Thönissen
Schauspieler: Blixa Bargeld, Marion Brasch, Herbert Fritsch, Lars Rudolph, Otto Sander, Anna Thalbach, Angela Winkler
Fotodokumentation und Assistenz: Jenny Golindano
Webseite 2005: Ekkehart Opitz
Mit freundlicher Unterstützung der Erbengemeinschaft Thomas Brasch, Stiftung Archiv Akademie der Künste, Berlin; Hauptstadtkulturfonds Berlin; Jüdisches Museum Berlin; Restaurant Cantamaggio, Berlin.
"Das Ordnungsprinzip dürfen nicht sieben Kapitel sein, sondern sieben mal sieben, ... [d]aß [sic] heißt, ein Kapitel sind sieben Personen, das andere Kapitel sind sieben Handlungsorte des Brunke, das andere sind sieben Orte des Notierens von mir, das nächste sind möglicherweise sieben Formen, dann sind es sieben Türen, dann sind es sieben verschiedene Bilder, die sich die Leute von ihm gemacht haben, in den Akten oder Aussagen oder von den Handlungen." Thomas Brasch [Brunke-Konvolut, S. 401]
"Das Ordnungsprinzip dürfen nicht sieben Stichpunkte sein, sondern sieben mal sieben, das heißt, so viele Stichpunkte so viele Masken, das andere sind sieben Handlungsorte der Verzeichnung, das andere sind sieben Orte des Notierens von mir, das nächste sind möglicherweise sieben Maschinen oder Häuser, dann sind es sieben Türen, dann sind es sieben verschiedene Bilder, die sich die Leute von ihren Verlustierungen machen und gemacht haben, in ihren Akten oder beiläufigen Aussagen oder von den daraus resultierenden Handlungen." Andreas Hofbauer [7. Anmerkung zur Arbeit eines öffentlichen Träumers, also: HIER]
49. Eine Tür, an die Wand gemalt.
48. "Jericho aber war verschlossen und verwahrt vor den Kindern Israel, so daß niemand heraus- oder hineinkommen konnte. Aber der HERR sprach zu Josua: Sieh, ich habe Jericho samt seinem König und seinen Kriegsleuten in deine Hand gegeben. Laß alle Kriegsmänner rings um die Stadt herumgehen einmal, und tu so sechs Tage lang. Und laß sieben Priester sieben Posaunen tragen vor der Lade her, und am siebenten Tag zieht siebenmal um die Stadt, und laß die Priester die Posaunen blasen. Und wenn man die Posaune bläst und es lange tönt, so soll das ganze Kriegsvolk ein großes Kriegsgeschrei erheben, wenn ihr den Schall der Posaune hört. Dann wird die Stadtmauer einfallen, und das Kriegsvolk soll hinaufsteigen ..." (Jos. 6; 1-6)
47. Ich
46. Im Schoß des in einem selbst errichteten und später so genannten Erektions- oder Exekutionsstuhl aufgefunden Leichnams des Architekten D. H. aus dem Westteil der Stadt Berlin findet sich ein 2000 Seiten Konvolut, dessen letzte Seite - die von rechts oben nach links unten ausgestrichen ist - die Anweisung gibt, von einem Schriftsteller restauriert zu werden, der eine Pause benötige beim Herstellen künstlicher Charaktere und sich dergestalt einen neuen Beruf zu verschaffen vermöchte, und zwar eben den eines Restaurators. Dieser Schriftsteller kann hernach das so Herausgestellte unter eigenem Namen veröffentlichen, jedoch nicht in das Gefängnis eines Buch-Hauses hinein - und somit in das ebensolche Gefängnis eines notwendig dazu gehörenden Verlags-Hauses - sperren, sondern selbiges nur etwa an Zeitungskiosken oder in Einkaufspassagen zu Entbindung bringen.
45. Künstliche Charaktere, Käufliche Personen; die Liebe und ihr Gegenteil.
44. Du
43. Eine seltsame zölibatäre Maschine, ein bemerkenswerter Beeinflussungsapparat. So ganz ohne Drähte und Knöpfe einer analogen Maschinerie. Gibt es eine Klinik für dies Symptom?
42. Die Identifikation in der Mechanik der Objektwahl geht der eigentlichen Objektsetzung, also der Objektwahl durch Projektion voraus. "Nicht die Geschichte von Brunke ist die Geschichte, die erzählt werden muß, sondern die Geschichte von einem, der sich in die Bruhnke-[sic]Geschichte verbeißt, weil er etwas anderes verschweigen will," schreibt Thomas Brasch. Und es stellt sich dabei nicht einmal die Frage: Aber was?
41. Er
40. Thomas Brasch und sein Konvolut über Brunke sind die Restauration des Konvoluts des Architekten D. H. über Brunke, das seinerseits wiederum wohl als die Restauration Brunkes als Konvolut angesehen werden muss. (Denn Karl Brunke verfügt nur über den nie geschriebenen Text mit dem Titel "Die Liebe und ihr Gegenteil")
39. Eine Drehtür
38. "Und beim siebenten Mal, als die Priester die Posaunen bliesen, sprach Josua zum Volk: Macht ein Kriegsgeschrei! Denn der HERR hat euch die Stadt gegeben. Aber diese Stadt, und alles was darin ist, soll dem Bann des HERRN verfallen sein. Nur die Hure Rahab soll am Leben bleiben und alle, die mit ihr im Hause sind; denn sie hat die Boten verborgen, die wir aussandten. Allein hütet euch vor dem Gebannten und laßt euch nicht gelüsten, etwas von dem Gebannten zu nehmen und das Lager Israels in Bann und Unglück zu bringen. Aber alles Silber und Gold samt dem kupfernen und eisernen Gerät soll dem HERRN geheiligt sein, daß es zum Schatz des HERRN komme." (Jos. 6; 16-20)
37. Sie
36. Cotheniusstraße 1
35. Diverse Verbindlichkeiten eines Mannequins
34. Kein Traum rechnet; weder richtig noch falsch. Er fügt nur mitleidlos Zahlen zusammen. Bringt sie in Form nichtkalkulierbarer Notwendigkeit.
33. Abkühlen des Textes auf Protokolltemperatur!
32. Eine der ägyptischen Hieroglyphen der Zahl 7, die vor allem in späterer Zeit häufige Anwendung fand ist, ein nach links gewendeter Kopf, was nicht zuletzt mit der Zahl der Öffnungen in selbigem zusammenhängt.
31. Kopfgeburt
30. Es
29. Schädelnaht
28. Landsberger Allee / Ecke Petersburger Straße
27. Schädelhaus des Kopfes, eingepfercht zwischen Gesicht und Gericht.
26. Alles Blumige muss durch eine Art Analyse ersetzt werden.
25. 25. April 2004, Restaurant Cantamaggio, Berlin-Mitte, abends.
24. Eine Tapetentür
23. Lust + Verlust = Verlustierung
22. Wir
21. "Wenn Liebe Verwahrung heißt, also verwahrt oder bewahrt zu sein, dann müsse das Gegenteil ja Verwahrlosung sein." (Thomas Brasch)
20. Wie sollte denn ein Staat an einer "Liebesmaschine interessiert sein, die wie Einsteins Relativitätstheorie Zeit und Raum vom Kopf auf die Füße stellt und wie Freuds Entdeckung von Traum und Trieb das Leben im Bett vom Bauch auf den Rücken dreht und beide Glücksfälle zusammenführt, die den Menschen das Vorhandensein eines anderen Menschen und alle damit verbundenen Tode überflüssig macht, die sprechen und singen und umarmen und streicheln und verzeihen und küssen kann und ihren Besitzer erniedrigen und von ihm erniedrigt werden will, die an seine oder ihre Freunde ausgeliehen und dabei beobachtet werden darf, die in eine Haut gekleidet ist wie jene Haut, die du in meinem Kopf in dein Kistchen verwahrt hast ..."?
19. Spielmannstraße 1
18. "Am 17. Oktober kaufen wir den Revolver."
17. Eine Maschine, wie jene, die das Fräulein Natalija A., 31 Jahre, ehemals Studentin der Philosophie, nun stocktaub und sich ausschließlich schriftlich verständigend, entdeckte. Irgendwann um 1919 und dem Dr. Tausk vielleicht in Wien davon erzählte. Seit sechs Jahren steht sie unter dem Einfluss dieser Maschine, die verbotener Weise in Berlin erzeugt wurde und betrieben wird. Ein kopfloser Rumpf in der Form eines Sargdeckels, mit allen Gliedmaßen, nur nicht mit den so genannten Geschlechtsorganen - diese seien entfernt worden. Jede Manipulation an der Maschine ist eine Manipulation an ihrem Körper. Jeder Schmerz der Maschine ist der ihre. Wie das Gefühl des Geschlechts fehlt, fehlt auch der Kopf, oder ist wenigst für sie nicht sichtbar.
16. Ein Fragezeichen, wie es in der spanischen Sprache üblich ist.
15. Unbedingte Beziehungen sind nicht möglich!
14. Der Architekt D. H. entschloss sich, nachdem er herausfand, dass die Sieben die magische Zahl Brunkes sei, unter vollständigem Verzicht auf Nahrung und Schlaf in sieben Tagen die sieben Lebenskapitel des Brunke zu Papier zu bringen und dergestalt sich so vollständig auszudenken, auf dass Platz für Brunke in seinem Schädelhaus entstehe. Sollte dies nicht gelingen, bemesse er sich derart wenig Gewicht bei, dass ein Bindfaden auszureichen hat, um aus dem Ausrufezeichen das Brunke war ein Fragezeichen, das er in diesem Falle für immer bleiben müsste, zu machen, das sich in den Tod krümme.
13. "Rahab aber, die Hure, samt dem Hause ihres Vaters und alles was sie hatte, ließ Josua leben, weil sie die Boten verborgen hatte, die Josua gesandt hatte, um Jericho auszukundschaften. Zu dieser Zeit ließ Josua schwören: Verflucht vor dem HERRN sei der Mann, der sich aufmacht und diese Stadt Jericho wieder aufbaut! Wenn er ihren Grund legt, das koste ihn seinen erstgeborenen Sohn, und wenn er ihre Tore setzt, das koste ihn seinen jüngsten Sohn!" (Jos.; 25f.)
12. "[S]o erscheint die Himmelswölbung mir beinahe als das Inn’re eines ungeheuren Schädels und wir als seine Grillen! - Ich bin eine, die er, wie sehr ich auch mich sträube, im Begriff ist zu vergessen!" sagt der Marius bei Grabbe.
11. Ihr
10. Monumentenstraße 1
9. Die ägypter unterteilten die Elle in 7 Handbreit um zur königlichen Elle zu gelangen. Dies führte zu einer subtilen Verbindung zum Gott der Schreiber, Thot, dessen schriftliche Fixierung für die ewige Gültigkeit von Ereignissen bürgt. (Gleich der Anwendung der königlichen Elle in der Architektur). Um seine protokollierenden Handlugen magisch zu fixieren, besteht sein Schreibutensil aus den sieben Binsen. Die Idealzahl der Schreibutensilien einer Palette ist folglich ebenso die sieben; - Thot, der im Jenseitsgericht protokolliert, dort, wo die Verstorbenen wieder belebt werden.
8. Die Heilige Familie unter ein Dach zu bringen war Karl Brunkes anfänglicher Plan. Oder etwa doch der seiner Mutter, aus deren Fuge er kroch? Architekt D. H. in Berlin hat diesen Plan aufgegeben, da er ein anderes Geheimnis hinter dem Tun Brunkes entdeckt zu haben glaubte. Der Verweis auf diese seltsame und doch so brauchbare Öffnung im Schädel - "jene sich kurze Zeit nicht schließende Fuge im Kopf des Säuglings (von der Natur klug eingerichtet, um die Fuge der Mutter nicht zu verletzen, den Kopf also verschiebbar zu machen, auf daß er nicht in Mitleidenschaft gezogen wird durch den engen Geburtskanal, durch den er zurück will ein Leben lang)" - alles nur eine raffinierte Idee Brunkes eine achte öffnung einzumahnen, die ihm einerseits zur Stelle eines nützlichen Arbeitsplatzes verhilft, ihm aber zum anderen später bei Gericht zum Nachteil oder Einwand gereichen wird.
7. Doch kaum Platz genommen auf dem Stuhl der zölibatären Maschine nimmt der Abgang vom Uterus terrae matris seinen Lauf.
6. Jedem Auftritt ist der uranfängliche Abtritt beigegeben.
5. Das Glück eines dritten Geschlechts, das sich ausbildet hinter den Fraternisierungen von Bank und Bordell.
4. Sie
3. Der Poet als Architekt, der Architekt als Maschinist, die Klammer des Maschinischen, die alle Häuser und Köpfe heimsucht.
2. Die Städte Kanaans waren bloß kleine Verwaltungszentren ägyptens, in denen lächerlich machtlose Fürsten mit ihren kleinen Stäben lebten. Jericho verfügte über keinerlei Befestigungsanlagen. Es ist sogar möglich, dass die Israeliten unter dem historischen König Josiah bloß Ruinen zwischen verstreuten Hirtensiedlungen vorfanden. Darüber, wie es den Huren oder käuflichen Personen im Allgemeinen oder Speziellen dort erging, ist so gut wie nichts bekannt.
1. Das Haus für Brunke wird nicht fertig.
0. Eine Tür, in einer Mauer, die es nie gab. - Und an dieser Schwelle vor einer neuen ungeahnten Tür und einem neuen ungeahnten Grund vielleicht, wandelt sich die Wand zum Gewand, schält sich der TraumBrunke ("Das Blanke Wesen") mit einer verrosteten Nagelschere die Haut vom Leibe und legt sie erstmals nicht mehr fein säuberlich zusammengefaltet in ein Kistchen oder in sonstige Lade, sondern wirft sich das Kleid über die Schulter und ... läuft ... los ...
Auf das Drängen der Zeit antwortete er mit der Kunst der Fuge. Fast zehn Jahre lang hatte er nach dem Mauerfall geschwiegen. Thomas Brasch, der 1976 die DDR verlassen und mit Stücken wie "Rotter" (1977), Filmen wie "Engel aus Eisen" (1981) oder Prosabüchern wie "Vor den Vätern sterben die Söhne" (1976) die literarische Szene der Bundesrepublik im Sturm erobert hatte. Ein Autor, für den das Politische nie in politischen Reden bestand, sondern in einer Kunst, die in der Strenge ihr anarchisches Potential freilegt. Im Westen bot man ihm die bequeme Rolle des Dissidenten an. Er lehnte ab und blieb unbequem. Auch als es Ost und West über Nacht nicht mehr gab und nun jeder von ihm, "der größten Begabung seiner Generation", wie Heiner Müller einmal sibyllinisch urteilte, ein passendes Wort zum neuen Deutschland erwartete.
Die Gegenwart lag für Brasch, der im November 2001 verstorben ist und dieses Jahr seinen 60. Geburtstag gefeiert hätte, nicht in der Nähe des Aktuellen, er suchte sie im Weiten des Vergangenen. Eine Zeitungsnotiz brachte ihn auf den Fall des Mädchenmörders Karl Brunke aus dem Jahr 1905. Eine fixe Idee, die er programmatisch wuchern ließ. Mehrere tausend Seiten Prosa über "Die Liebe und ihr Gegenteil" entstanden, ein gigantisches Erzählwerk, aus dem knapp hundert schmale, kristalline Seiten 1999 bei Suhrkamp erschienen. Seither ranken sich Mythen um den großen poetischen Entwurf, in dem Braschs Fluchthelfer aus der literarischen Wendegeschwätzigkeit als hautloses, blankes Wesen in den Schädelkammern des Erzählers wohnt und im Rhythmus der Bachschen Fuge vielstimmig den Ton angibt.
Als "LeseFuge" wurden am vergangenen Wochenende Teile des unpublizierten Materials in Berlin präsentiert. Hartmut Fischer von "Juliettes Literatursalon", der mit Brasch befreundet war und seit einem Jahr an wechselnden Orten aus dem Brunke-Konvolut vorliest, verwandelte gemeinsam mit den Philosophen Andreas Hofbauer und Daniel Tyradellis den Konzertsaal des Jüdischen Museums gleichsam in das Schädelinnere der Textstimme. Sieben Schauspieler blickten und sprachen, projeziert mit Videobeamern, von den Wänden des Raumes: Angela Winkler las gemäß des Fugen-Prinzips als 'Dux' die Grundgeschichte, begleitetet von Varianten und poetologischen Kommentaren der 'Comes' Blixa Bargeld, Braschs Schwester Marion, Herbert Fritsch, Lars Rudolph, Otto Sander und Anna Thalbach.
Eine leibhaftige Lesung von fünf der sieben Glorreichen hörten rund zweihundert Besucher. Während der "Langen Nacht der Museen" konnte man die Installation am Samstag noch einmal sehen. Gegenwärtig war nun vor allem die Sprache Thomas Braschs, unerbittlich und klar, dunkel und schön, spielerisch und verzweifelnd. Was Brasch mit "Brunke" verfolgte, verdeutlichte der Raum mit den Libeskindschen Schrägen, Verschachtelungen und leeren Ecken auf besondere Weise: die Geschichte des 1989 zu Ende gegangenen Jahrhunderts zu erzählen. Etwas, wofür wir wahrscheinlich noch immer keine Worte haben. So beschreibt das Brunke-Material auch ein Scheitern. "Die Geschichte des B. ist vielleicht keine Geschichte, die erzählt werden muss", heißt es einmal, "aber eine offene Tür, in die man den Fuß stellen kann und hinter der sich die eigene Geschichte verbirgt."
erschienen in: Süddeutsche Zeitung, 30. August 2005